15 Sep. 2025 Stellungnahme zum Buch von Nadja Habibi „Sexarbeit versus Prostitution. Feministische Debatten und Implikationen für die Soziale Arbeit“
Als Verband der Fachberatungsstellen für Sexarbeiter*innen begrüßen wir es, wenn sich Menschen für das komplexe Thema Sexarbeit interessieren und eingehender damit beschäftigen. Deshalb steht das Bündnis auch immer wieder für Forschungsvorhaben und Interviewanfragen zur Verfügung. Auch Nadja Habibi, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus, setzt sich mit dem Thema Sexarbeit auseinander, indem sie in ihrem o.g. Buch, dass auf ihrer Bachelorarbeit basiert, vor dem Hintergrund der unterschiedlichen feministischen Haltungen zur Sexarbeit Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit formuliert. Zunächst scheint das erfreulich, da das Thema Sexarbeit in den Sozialwissenschaften häufig unterrepräsentiert ist. Während jedoch bereits Mängel an der wissenschaftlichen Tragfähigkeit des Buches bei dieser Rezension nachzulesen sind, beziehen wir unsere folgenden Kritikpunkte im Speziellen auf Habibis Ausführungen zur Sozialen Arbeit. Diese gelten im Buch insbesondere liberal und akzeptierend ausgerichteten Beratungsstellen, die in Deutschland dominieren und in den allermeisten Fällen unserem Verband angehören.
- Die Liberalen & die “rape culture“?
Habibi spricht in ihrem Buch davon, es gäbe in Teilen der liberalen Bewegung die Vorstellung, Sexarbeitende schützten durch ihre Dienstleistungen andere vor sexuellen Übergriffen, womit ihre Angebote als eine Art „Schadensbegrenzung“ fungieren würden. Solche Argumentationen sind überaus gefährlich: Sexarbeit als Gegenmittel gegen Gewalttaten zu definieren, suggeriert nämlich zum einen, dass es einen unstillbaren Sexualtrieb gäbe, der sich jederzeit Bahn brechen und deshalb durch irgendwen gestillt werden müsse. Zum anderen wird damit die Verantwortung für Gewalttaten auf die Opfer verschoben und Täter*innen damit geschützt. Einem Beweis, dass diese Behauptung im liberalen Spektrum tatsächlich besprochen wird, bleibt Habibi schuldig, womit nicht nur Mythen statt Fakten dargelegt, sondern auch liberale Fachberatungsstellen ohne reelle Grundlage auf dem Rücken eines vermeintlich wissenschaftlichen Vorgehens diskreditiert werden.
- „Prostitutionslobby“
In der Arbeit werden liberal ausgerichtete Beratungsstellen in die Nähe der sog. „Prostitutionslobby“ gestellt. Ähnlich zu anderen Lobbyerzählungen, wie z.B. der „Translobby“, ist dies eine Verschwörungserzählung aus abolitionistischen (= Sexarbeit ablehnenden) Kreisen. Dabei wird von geheimen Machenschaften im Hintergrund phantasiert, bei denen Sozialarbeitende, Wissenschaffende oder Aktivist*innen, die sich für die Entkriminalisierung von Sexarbeit einsetzen, einer Zuhälterlobby in die Hände spielen würden. Damit werden liberal ausgerichteten Beratungsstellen nicht nur kriminelle Tätigkeiten unterstellt, ihnen wird gleichzeitig ihre Expertise, Professionalität und Arbeitsrealität abgesprochen.
- Keine Unterstützung, Parteilichkeit und Wertschätzung in akzeptierenden Beratungsstellen?
Habibi zieht eine Schilderung aus zweiter Hand heran, in der eine Frau mit Ausstiegswunsch durch eine Beratungsstelle keine Unterstützung erfahren haben soll, weil diese die Sexarbeit zu sehr entproblematisieren. Ein solcher Umgang ist erstens kaum vorstellbar, solidarisieren sich Fachberatungsstellen schließlich mit ihren Adressierten, sprechen sich für Selbstbestimmung (sowohl bei der Entscheidung für die Sexarbeit als auch im Falle eines erwünschten Aus- oder Umstiegs) aus und halten Ausstiegsunterstützung bereit. Das Problemlagen verschleiert werden, weil Sexarbeit von Sozialarbeitenden „entproblematisiert“ wird, steht derweil in keinem kausalen Zusammenhang. Auch wenn Fachkräfte die Tätigkeit nicht zwangsläufig in einem direkten Zusammenhang zu einem Problem verstehen (denn das muss durchaus nicht der Fall sein), können sie trotzdem auf Herausforderungen ihrer Adressierten reagieren, auch bei einem Ausstiegswunsch, Gewalterfahrungen oder prekären Lebenslagen. Indes sind es oft andere Themen, die ein Problem darstellen, wie z.B. das Stigma, die Migrationspolitik oder Armut. Wenn bestimmte Problematiken von den Fachberatungsstellen selbst nicht bearbeitet werden können, in anderen Zuständigkeitsbereichen liegen oder spezielle Expertise nötig machen, wird an andere Organisationen vermittelt, z.B. welche, die explizit gegen Menschenhandel arbeiten.
- Die wirkliche Forderung des bufaS e.V.
Habibi stellt die Parteilichkeit der Sozialen Arbeit in Frage und bezieht sich dabei direkt auf das bufaS e.V. Dafür nutzt sie ein Zitat, aus einem Papier zum Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchutzG), in welchem Kritikpunkte und Forderungen zur Umsetzung dessen vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrungen in der Beratung von Sexarbeitenden zusammengetragen wurden. Neben Forderungen nach Anonymität und Niedrigschwelligkeit von den im ProstSchutzG vorgesehenen Pflichtberatungen oder auch zum Datenschutz, wurde gefordert, dass sichergestellt werden muss, dass kleine- und mittelständische Unternehmen ihren Bestand wahren und konkurrenzfähig bleiben können. Dieses Zitat wird im Buch als Vorwurf genutzt, ohne zu erwähnen, was in der Forderung noch geschrieben steht: Auch die Vielfalt der Prostitutionsbetriebe solle berücksichtigt und jedes Segment gesondert betrachtet werden. Der Betrieb eines Großbordells ist nicht mit einem kleinen Etablissement, in dem z.B. zwei Sexarbeitende arbeiten, gleichzusetzen. Kleine Betriebe, wie sie hier beschrieben werden, können indes auch von Sexarbeitenden selbst betrieben werden. Wieso sollten sie nicht dieselben Rechte haben wie Großbetriebe? Wieso sollten sie nicht konkurrenzfähig bleiben dürfen? Was passiert mit Sexarbeitenden, die in ihren eigenen oder kleineren Betrieben nicht mehr arbeiten können? Prostitutionsbetriebe jeglicher Größe und Couleur sind gesellschaftliche Realität. Sie zu ignorieren, weil man Sexarbeit per se ablehnt, macht sie trotz ihrer Existenz unsichtbar; mit horrenden Folgen für Sexarbeitende. Der Vorwurf der Unparteilichkeit trifft also eher die Akteur*innen, die diese Realität aberkennen.
- Misogyne Fachberatungsstellen?
Im Buch steht weiter, dass damit ein jahrhundertealtes, frauenverachtendes und ausbeuterisches System um jeden Preis aufrechterhalten werden soll. So wird den Fachberatungsstellen nicht nur abermals eine tragende Rolle in der „Prostitutionslobby“ unterstellt, sondern auch Misogynie und die beabsichtigte Mitwirkung an einem frauenfeindlichen System. Ein Schlag ins Gesicht für alle Sozialarbeitende in diesem Feld. Das Bündnis besteht aus über 30 Fachberatungsstellen aus ganz Deutschland, die sich u.a. für die dauerhafte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeitenden sowie für die Entkriminalisierung und Entstigmatisierung einsetzen und jeden Tag mit Sexarbeitenden Kontakt haben, sie beraten und unterstützen. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass Habibi weder in einer solchen Beratungsstelle (ge)arbeitet (hat), noch mit den betreffenden Sozialarbeitenden oder unserem Bündnis sprach.
- Paternalismus und Widersprüche
Habibi zieht das Fazit, dass sich die Soziale Arbeit ausschließlich der Belange der Klient*innen annehmen und in ihrem Sinne handeln muss, statt eine Aufrechterhaltung des Gewerbes anzustreben. Damit wird der Sozialen Arbeit vorgeworfen, strukturelle Herausforderungen, Problemlagen und Bedingungen – das „große Ganze“ – auszublenden und für ein herbeiphantasiertes System im Hintergrund zu arbeiten. Ignoriert wird dabei, dass bereits seit Jahren mit den Adressierten an ihren individuellen Belangen gearbeitet wird und das diese eben nicht immer Ausstiegswünsche sein müssen. Gleichwohl sehen die Beratungsstellen auch die prekären Lebenslagen, arbeiten an Jobalternativen oder zur Krisenintervention. Sie setzen sich aktiv für Sexarbeitende und bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen ein, und das Tag für Tag und oft an ihren Kapazitätsgrenzen. Damit ist Habibis Forderung nicht nur paternalistisch, sie ist auch widersprüchlich und spricht für einen falsch verstandenen Feminismus; nämlich einen, der Sexarbeitende ausschließt, weil ihre Tätigkeit und ihre Entscheidungen, mit den eigenen moralischen Vorstellungen nicht übereinstimmen.
Letztlich bleibt festzuhalten, dass ein solches Vorgehen wie in Habibis Buch, unter dem Deckmantel der Wissenschaft, durch eine selektive Wahl der Inhalte und aus dem Kontext gerissenen Zitaten, weitreichende negative Konsequenzen nach sich ziehen kann: für den fachlichen Diskurs, für die öffentliche Wahrnehmung, für Sozialarbeitende und etablierte Beratungsstellen und letztlich für Sexarbeitende selbst, die darunter wohl am meisten leiden.