06 Aug. 2025 Stellungnahme zum E-Learning-Kurs „Prostitution“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
Wir, der bufas e.V. – das bundesweite Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter e.V., setzen uns für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die rechtliche und soziale Gleichstellung von Sexarbeitenden ein. Unser Ziel ist die vollständige Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit, ihre Entkriminalisierung und die Überwindung gesellschaftlicher Diskriminierung und Marginalisierung.
Anlass dieser Stellungnahme ist der von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) angebotene E-Learning-Kurs zum Thema „Prostitution“, der in Kooperation mit Sisters e. V. konzipiert wurde und unter https://www.elearning-politik.de/prostitution abrufbar ist.
Wir möchten vorweg betonen: Die Bedeutung politischer Bildung ist unbestritten – insbesondere bei sensiblen Themen wie Prostitution. Wir begrüßen grundsätzlich, dass sich die LpB dieses gesellschaftlich relevanten Themas annimmt und Bildungsangebote für eine breite Öffentlichkeit entwickelt. Eine fundierte, sachliche, differenzierte und menschenrechtsbasierte Auseinandersetzung mit dem Thema Sexarbeit ist dringend notwendig.
Allerdings sehen wir im vorliegenden Kurs gravierende Mängel in Hinblick auf Ausgewogenheit, Perspektivenvielfalt und sachliche Differenzierung.
Im Folgenden benennen wir zentrale Kritikpunkte, die aus unserer Sicht höchst problematisch für eine ausgewogene und sachlich fundierte politische Bildung sind:
- Pauschalisierende und stigmatisierende Aussagen: Aussagen wie „Freiwillige Prostitution ist ein Mythos“, „Sexarbeit basiert immer auf Gewalt“ oder „Sexkäufer sind Täter“ verkennen die komplexe Realität der Sexarbeit. Solche Pauschalisierungen reproduzieren Vorurteile statt sie abzubauen. Sie bedienen ein tradiertes Opfernarrativ, das darauf abzielt den Betreffenden ihre Selbstbestimmung abzusprechen, um sie zu (re)viktimisieren. Gleichzeitig verkennen solche Aussagen tatsächliche Gewalterfahrungen von Betroffenen.
- Zusammenarbeit mit nur einer Organisation (Sisters e. V.): Sisters e. V. vertritt eine dezidiert abolitionistische Haltung. Diese Sichtweise ist legitim, darf aber nicht exklusiv als Bildungsinhalt vermittelt werden. Die vielfältige Expertise, das detaillierte Wissen und die Perspektiven unterschiedlicher Organisationen und Fachberatungsstellen werden nicht angemessen eingebunden und die Meinungsvielfalt zum Thema Sexarbeit damit nicht realistisch und vollumfänglich abgebildet.
- Fehlende Perspektiven von Sexarbeitenden: Im gesamten Kurs wird über Sexarbeiter*innen gesprochen – aber nicht mit ihnen. Ihre Stimmen bleiben unsichtbar, ihre Erfahrungen und Sichtweisen werden nicht einbezogen, obwohl sie ihre Expertise bereits lange zur Verfügung stellen. Damit reproduziert der Kurs ein zentrales gesellschaftliches Problem: die systematische Ausgrenzung und Entmündigung von Menschen in der Sexarbeit. Dies steht aus unserer Sicht im Widerspruch zu den Grundsätzen demokratischer und emanzipatorischer Bildungsarbeit.
- Vermischung von Konzepten, statt differenzierter Aufklärung: Statt einen Beitrag zum Abbau gesellschaftlicher Diskriminierung zu leisten, verstärkt der Kurs Narrative von „Opfern“ und „Täter*innen“, die keine Grauzonen zulassen. Das Ergebnis ist ein moralisch aufgeladener Frontalunterricht statt kritischer Bildungsarbeit. Der Kurs verwischt systematisch die Grenze zwischen legaler Sexarbeit und Menschenhandel. Das ist nicht nur fachlich falsch, sondern erschwert auch die effektive Bekämpfung tatsächlicher Ausbeutung.
- Falsche Fakten und fragwürdige Studien: Der Kurs nennt Zahlen wie 85–95 % „unfreiwillige“ Prostitution, ohne nachvollziehbare Quellen bereitzustellen. Das ist auch nicht überraschend, da entsprechende Zahlen aus „Studien“ stammen, die bereits als wissenschaftlich unredlich erkannt wurden. Diese Zahlen geben die wissenschaftliche Studienlage nicht angemessen wieder
Derlei „Fakten“ geben die wissenschaftliche Studienlage und den Forschungsstand nicht angemessen wieder, die in Bezug auf Ausmaß und Formen von Zwang in der Sexarbeit uneindeutig und vielschichtig ist und basieren damit eher auf einem moralischen Diskurs, als auf einem objektiven, wissenschaftlich sauberen und empirisch erhobenen. Eine solche Darstellung beeinträchtigt die Qualität politischer Bildungsarbeit.
- Pathologisierung und Kriminalisierung von Sexkäufern: Sexkäufer werden pauschal als „Täter“, „Verbrecher“ und „Barbaren“ bezeichnet. Eine solche Rhetorik spaltet und kriminalisiert einvernehmliche sexuelle Kontakte und verfestigt ein problematisches Männerbild, obwohl auch hier bereits Studienergebnisse vorliegen, die ein differenzierteres Bild zeichnen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Darstellung von Sexarbeit in dem E-Learning-Kurs „Prostitution – Eine Arbeit wie jede andere?!“ problematisch ist.
Die Darstellung ist einseitig, teilweise polemisch („Sie (Sexarbeitende) sind Waren, werden gebraucht, werden benutzt und werden ausgetauscht“ – Zitat aus Modul 2 „Regulierungen und ProstSchG“) und sie stützt sich ausschließlich auf ein extrem polarisierendes Narrativ.
Inhalte der Bildungsangebote der Landeszentrale für politische Bildung haben Auswirkungen auf gesellschaftliche Diskurse. Allerdings fördert der E-Learning-Kurs mit seiner einseitigen Darstellung eher Polarisierung und Spaltung, anstatt einen offenen und respektvollen Dialog über Rechte, Regulierung und Schutz von Sexarbeitenden zu ermöglichen. Darüber hinaus hat der E-Learning-Kurs als Bildungsangebot der Landeszentrale für politische Bildung auch Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse und kann diese negativ beeinflussen, da die gezeigten Inhalte auf unzureichend informierten Grundlagen beruhen…Bildungsangebote sollten differenzierter, faktenbasierter und unter Einbeziehung von verschiedenen Fachverbänden sowie der Perspektiven von Sexarbeitenden gestaltet werden.
Wir fordern die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg auf, den Kurs umgehend zu überarbeiten. Konkret schlagen wir vor:
- Einbindung multiperspektivischer Stimmen
Menschen aus der Sexarbeits-Community müssen gehört werden – nicht nur als Objekte der Betrachtung, sondern als Expert*innen in eigener Sache. - Kooperation mit Fachverbänden und Organisationen
Eine Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen, unabhängigen Fachberatungsstellen und Berufsverbänden wie dem BufaS und dem BesD ist unerlässlich, um ein faktenbasiertes, realistisches Bild von Sexarbeit zu zeichnen. - Überarbeitung der Inhalte im Sinne diskriminierungsfreier politischer Bildung
Politische Bildung muss zur Selbstreflexion und kritischen Urteilsbildung befähigen – nicht zur Übernahme ideologischer Positionen. Dafür braucht es ausgewogene, sachlich korrekte und diskriminierungssensible Materialien.
Wir stehen gerne für ein Gespräch und eine konstruktive Zusammenarbeit zur Verfügung. Als Berufsverband bringen wir Expertise aus Praxis, Beratung, Forschung und Interessenvertretung mit. Wir sind überzeugt: Nur mit Respekt vor unterschiedlichen Perspektiven können wir gemeinsam zu einer fairen, fundierten und inklusiven politischen Bildung beitragen.
bufas e.V. – Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter e. V.
Stellungnahme als PDF