06 Mai 2026 Stellungnahme zur Sendung „Die Anstalt“ mit dem Titel „Die Prostitutionsanstalt“ vom ZDF
Mai 2026
Darf Satire alles?
Wenn es nach Kurt Tucholsky geht, dann Ja. Satire darf alles. Sie ist eine durch das Grundgesetz geschützte Kunstform, die provozieren, übertreiben und verletzen muss, um auf Missstände hinzuweisen. Jedoch hat sie bestimmte Grenzen, nämlich vor allem dort, wo sie die Menschenwürde verletzt. Satire ist nur dann welche, wenn sie nach oben und nicht nach unten tritt. Diesen Anspruch hat „Die Anstalt“ mit ihrer Sendung zum Thema Sexarbeit verfehlt, denn sie schadet vor allem denen, die ohnehin schon marginalisiert und stigmatisiert werden.
Ausblenden der Heterogenität
Trotz der hohen Diversität im Feld der Sexarbeit, wird in der Sendung vor allem mit pauschalen Bildern gearbeitet, die andere Realitäten bewusst außen vorlassen und wieder mal die vereinfachende Stilisierung des „Opfers“ auf der einen und der „High-Class-Escort“ auf der anderen Seite propagiert, vor der einschlägige Organisationen seit Jahren warnen. Sexarbeit wird als homogenes Feld dargestellt, obwohl sie in Wirklichkeit hochgradig vielfältig ist. Männliche und trans Sexarbeitende? Unsichtbar. Weibliche Kundschaft? Existiert offenbar nicht. Stattdessen wird ein stereotypes Bild reproduziert, das weder der Lebensrealität vieler Menschen im Gewerbe gerecht wird noch einer ernsthaften Analyse standhält. Somit gleicht die Sendung vielmehr einem einseitigen Narrativ, dass verzerrt statt aufklärt und damit einer differenzierten Auseinandersetzung widerspricht.
Bewertung der politischen Bedingungen
Besonders problematisch ist die implizite Bewerbung des sogenannten „Nordischen Modells“ aka des Vergütungsverbots oder schlichtweg der Kriminalisierung von Sexarbeit. Dieses wird als moralisch überlegene Lösung inszeniert, obwohl es nachweislich negative Folgen hat: Verdrängung in unsichere Arbeitsverhältnisse, steigende Abhängigkeit, mehr Gewalt (auch durch Behörden), mehr Abschiebungen, ein Anstieg an Erkrankungen, weniger Zugang zu Schutz und Rechten, mehr Macht für alle anderen – nicht für Sexarbeitende. Diese Folgen aber, werden in der Sendung völlig übergangen und statt Ursachen zu analysieren, bleibt die Auseinandersetzung an Symptomen hängen. Gewalt wird skandalisiert, ohne ihre strukturellen Hintergründe zu benennen: Marginalisierung, Stigmatisierung und rechtliche Unsicherheit. Gewalt entsteht nicht, weil Sexarbeit existiert – sie entsteht verstärkt dort, wo Menschen isoliert und entrechtet werden! Politische Modelle, die genau diese Isolation verstärken, verschärfen das Problem.
Wer ernsthaft glaubt, Menschen würden geschützt, indem ihre Lebensrealität verallgemeinert, kriminalisiert oder unsichtbar gemacht wird, ignoriert grundlegende Erkenntnisse aus Praxis und Forschung. In diesem Zusammenhang muss auch klargestellt werden, dass es faktisch falsch ist, dass der überwiegende Teil der Sozialarbeitenden und Forschenden für die Verbotslösung sei, so wie es in der Sendung propagiert wird. Dem ist absolut zu widersprechen! Es ist sogar genau umgekehrt, was sich bereits mit einer schnellen Suche im Internet recherchieren lässt, womit sich die Frage stellt: wurde sich nicht ausreichend mit den Diskursen befasst oder ist dies schlichtweg eine bewusste Falscherzählung?
Quellenkritik? Fehlanzeige!
Die Sendung betreibt dabei durchweg eine unseriöse selektive Quellenwahl. Daten werden verkürzt dargestellt oder aus dem Kontext gerissen, internationale Vergleiche verzerren die Realität, weil völlig unterschiedliche Erhebungssysteme ignoriert werden. Gleichzeitig werden Studien diskreditiert, gerade dann, wenn sie differenziertere oder unbequeme Ergebnisse liefern. Das ist keine Aufklärung, das ist Agenda.
Für fachkundige Personen ist unmittelbar erkennbar, dass der sogenannte Faktencheck unausgewogen ist und auf unprofessionellen Datenerhebungen beruht. Beispielsweise steht die Wissenschaftlichkeit der zitierten DIAKA-„Studie“ bereits in der Kritik. Auch die vermeintliche Anzahl an Sexarbeitenden lässt aufhorchen, vor allem wenn hierbei aus dem Spiegel zitiert wird, der sich wiederum auf Aussagen von Politiker*innen stützt, was nun keine wissenschaftliche, objektive Quelle darstellt. Und auch die Aussagen zur Sozialversicherung irritieren, die sich auf das deutsche Ärzteblatt und die Beschäftigungsstatistik der Agentur für Arbeit beziehen: wer sich auskennt – oder zumindest den Versuch einer sachlichen Auseinandersetzung wagt – weiß, dass sich Sexarbeitende gegenüber Behörden aufgrund von Stigmatisierungserfahrungen selten offenbaren. Demnach ist dies kein Abbild „der Realität“ und sagst nichts über sie aus – außer, dass vorsichtig mit Daten umgegangen werden muss. Problematisch ist ein solcher Umgang vor allem mit Blick auf die Menschen, die sich eben nicht auskennen – das betrifft die meisten in der Gesellschaft. Ihnen werden damit falsche Tatsachen, scheinbare Gewissheiten und eine angeblich faktenbasierte Auseinandersetzung vorgespielt.
Fehlende Differenzierung
Neben all dem, fehlen die Stimmen von Sexarbeitenden, Wissenschaffenden, Sozialarbeiter*innen oder Jurist*innen, die sich sachlich und eingehend mit der Thematik beschäftigen, während Stimmen von Ausgestiegenen moralisch inszeniert werden, die wohl vielmehr dem Menschenhandel als der Sexarbeit zuzuordnen sind – eine wichtige Differenzierung, die auch von Organisationen gefordert wird, die sich explizit mit Menschenhandel befassen, in der Sendung aber eher belächelt wird. Eine Trennung zwischen Sexarbeit und Gewalt wird damit ad absurdum geführt: Ein Bordellbetreiber, der Frauen zur Tätigkeit zwingt, tut keinesfalls etwas Legales. Menschenhandel ist keine Sexarbeit!
Darstellungen von Freiern
Auch der Umgang mit Freiern ist erschreckend undifferenziert. „Der Freier“ wird zum Feindbild aufgebaut und verallgemeinert. Dass Kund*innen (ja, es gibt auch weibliche und trans* Kundinnen) in der Realität ebenfalls sehr unterschiedlich sind und in einigen Fällen sogar zur Aufdeckung von Missständen beitragen, wird konsequent ausgeblendet. Btw: eine Eco-Toilette ist keine Verrichtungsbox. Ein solches Bild zu zeichnen ist nichts weiter als tendenziös.
Die „privilegierten“ Sexworker
Besonders irritierend ist nicht nur, dass einschlägige Organisationen, die sich seit Jahren differenziert mit dem Thema beschäftigen, belächelt und ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird. Auch der Umgang mit den Stimmen aus der Sexarbeit selbst, die als Projektionsfläche für moralische Argumente beraubt werden, überschreitet Grenzen. Ein Verband wird dabei implizit als Rekrutierungsinstrument dargestellt – ein Framing, das nicht nur falsch, sondern auch gefährlich ist. Es delegitimiert genau die Stimmen, die für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfen – auch für diejenigen, die sich selbst nicht öffentlich äußern können. Warum sie dies nicht tun, dürfte spätestens nach dieser Sendung auf der Hand liegen: Politisches Engagement ist immer an bestimmte Ressourcen geknüpft, z.B. an Mut. Wenn Sexarbeitende im öffentlichen und medialen Diskurs immer auf die Opferrolle reduziert werden – und andere, die sich hingegen trauen, als privilegierte Einzelfälle inszeniert – fällt es vielen schwer, diesen Mut aufzubringen. „Die Anstalt“ trägt mit dieser Sendung genau dazu bei.
Fazit
Strohmann-Argumente, symbolische Einzelbeispiele und fragwürdige Verknüpfungen mit anderen Themenfeldern (z.B. Care-Arbeit), die mehr verwirren als erklären, sind kein Beitrag zur Debatte, sondern Meinungsmache – oder eben Clickbait. Satire darf viel – aber sie hat Verantwortung. Wenn sie nach unten tritt und marginalisierte Gruppen verzerrt darstellt, verfehlt sie ihren Anspruch. Hier wurde Macht nicht kritisiert, sondern aus einer sehr privilegierten Position selbst ausgeübt.
Am Ende bleibt ein zentraler Punkt: Mensch kann über Sexarbeit unterschiedlicher Meinung sein. Mensch kann sie ablehnen, abschaffen oder verändern wollen. Aber wer wirklich glaubt, dass eine Abkehr von der Liberalisierung eine Lösung ist, ignoriert die Realität derjenigen, die davon betroffen sind.
Diese Sendung war nicht ausgewogen. Sie war einseitig, selektiv und politisch aufgeladen. Ironischerweise reproduziert sie damit genau die Objektifizierung, die sie vorgibt zu kritisieren und verfehlt damit nicht nur den Anspruch an guter journalistischer Arbeit, sondern eben auch an Satire.